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Der Wandel kann mit mir beginnen! - Ein Held des Bildungssystems

von Santosh Bidari, MasterPeace Club Leader Nepal & Kristine Tauch, MasterPeace Club Leader Wiesbaden, Germany


In Deutschland sind alle erwachsenen Menschen an der ständig aktuellen Diskussion um das Bildungssystem und die Lehrer interessiert, oder nicht? Gehörst du nicht auch zu den Menschen, die etwas dazu zu sagen haben? Selbstverständlich, wir können alle zu der Diskussion beitragen, haben wir doch einen großen Teil unserer Lebenszeit in diesem System verbracht.


Glaubst du daran, dass Pädagogen und Lehrer aus Nepal und Deutschland voneinander lernen könnten? Lass es uns herausfinden!


Als ich 2016 Santosh Bidari kennenlernte (auf Facebook!), wusste ich nicht viel über Nepal oder das Nepalesische Schulsystem. Sicher, ich hatte Bilder des wunderbaren Himalaya-Gebirges gesehen und von den verheerenden Erdbeben in 2015 gehört. Doch dann durfte ich das Land durch die Brille eines Einheimischen entdecken, und ich muss sagen, dass ich meinen persönlichen Helden gefunden habe. Santosh Bidari ist einer der bewundernswertesten Sozialaktivisten, die man sich vorstellen kann und ich bin glücklich ihn meinen Freund zu nennen.


Es war eben dieser Held, der mich inspirierte 2017 in Wiesbaden einen MasterPeace Club zu gründen und somit einer globalen Graswurzel-Friedensbewegung mit über 40 Clubs in der Welt beizutreten. THE STORY STORE, eine Sozialunternehmung, die 2019 von Bledion Vladi und mir gegründet wurde, hat ihren Ursprung im MasterPeace Club Wiesbaden. Darum gehört Santosh Bidari aus Nepal zu unserer Story Store Familie.


Santosh hat seine Story für uns aufgeschrieben. Komm, lass uns zusammen über Nepal lernen!


Santosh Bidari, Club Leader, MasterPeace Nepal

Angst und Zweifel


Während der 10 Jahre meines Schullebens (1993-2002) gab es kaum 100 Tage, an denen ich zur Schule ging, weil mich dort etwas interessierte. Zur Schule zu gehen war Pflicht und hatte wenig mit Enthusiasmus zu tun. Ich fragte mich oft, ob ich der Einzige war, der so fühlte. An einigen Tagen erfand ich Entschuldigungen, um nicht zur Schule zu müssen, täuschte Krankheit vor. Der Hauptgrund dafür waren der langweilige Unterricht und die uninspirierende Umgebung der Schule. Der Mangel an kindgerechter und bewegungsfördernder Einrichtung sowie das passive Verhalten der Lehrer weckte starke Zweifel am Schülerdasein in mir. Allem Anschein nach gab es nur diesen einen Weg: Untätig in der Klasse zu sitzen, die Lehrer hören, aber nicht wirklich zuhören, für die Tests lernen, um ein paar gute Noten zu bekommen. Motivation war ein Fremdwort für mich. Ich fühlte mich in diesen vier Wänden des Klassenzimmers gefangen, weil es uns nicht erlaubt war mit den Lehrern offen über unsere Probleme und Gefühle zu reden.


Ich bin überzeugt, dass Fehler ein Teil des Lernprozesses sind. Jedoch hatte ich zu jener Zeit nicht die Möglichkeit frei zu lernen, da ich systematisch für jeden Fehler, den ich machte, bestraft wurde. Das war eine völlige Fehleinschätzung des Potentials der Schüler. Sie wurden nur nach ihrem Notenstand bewertet und niemals nach ihren Kapazitäten, hartem Arbeitseinsatz und Kreativität. 90 Prozent der Schüler hatten Angst vor ihren Lehrern! Und ich war einer von diesen 90 Prozent.


In der zehnten Klasse mussten die Schüler das SLZ (Abschlussexamen) absolvieren. Alle waren starr vor Angst vor dem sogenannten “Eisernen Tor”. Das Hauptziel im Leben zu diesem Zeitpunkt war nur noch das Bestehen dieser Prüfung. Es war so traumatisierend, dass einige Schüler Selbstmordversuche unternahmen, wenn sie durchfielen oder eine schlechte Punktzahl erreichten. Wir nannten das Eiserne Tor auch Tor des Terrors.


Entscheidung und Bestimmung


Nach der Schule zog ich in die Stadt der Träume – Kathmandu – und studierte Massenkommunikation und Journalismus. Hier lernte ich glücklicherweise viele Menschen kennen, die eine Vision für eine blühende Zukunft hatten. Nach einiger Zeit in ihrer Gesellschaft realisierte ich, dass ich nicht der Einzige war, der mit negativen Gefühlen an die Schule dachte. Nachdem ich meine Zweifel am Schulsystem mit anderen teilen konnte, vertiefte ich mich in die Suche nach einer Lösung für dieses Problem. Meine Hauptaufgabe war es herauszufinden, was meine eigene Rolle dabei sein sollte, Kinder zum Schulbesuch zu motivieren.


Mit der Zeit lernte ich unterschiedliche Organisationen kennen, die Sozialarbeit betrieben. Dort traf ich viele Eltern und ich fragte sie, was sie sich für die Zukunft ihrer Kinder wünschen. Die meisten antworteten, sie wünschten ihren Kindern Karrieren als Ingenieure oder Ärzte. Irgendwann begriff ich, dass es viel weiser wäre der jungen Generation beizubringen, wie man einen starken Charakter und eine gesunde Einstellung entwickelt, denn das sind die Grundlagen für alles im Leben, unabhängig davon, welchem Beruf man einmal nachgeht.


Später traf ich auf Jugendliche, die ich befragte, warum sie die Schule verlassen hatten. Das waren ihre Hauptgründe: niedriges Familieneinkommen, Härte und Bestrafungen durch Lehrer und Missfallen der Atmosphäre in der Schule. Es gab auch Fälle in denen Eltern ihre Kinder zwangen die Schule zu verlassen, um arbeiten zu gehen, also zum Familieneinkommen beizutragen. All dies ließ mich erkennen, dass die gesamte Entwicklung der nepalesischen Nation von einer Revolution getragen sein müsste, die damit startet, jedem einzelnen Kind gute Bildung zu ermöglichen, auch in den entlegensten Dörfern. Irgendwie fühlte ich mich verpflichtet eine Welle des positiven Wandels in meine Gesellschaft zu bringen.


Anfang


Santosh und Team beim Wiederaufbau einer Schule nach den Erdbeben.

Am 16. November 2009 gründete ich die gemeinnützige Organisation 'Peace for People'. Das veränderte mein Leben komplett. Nachdem ich einige Höhen und Tiefen erlebt hatte, fand ich meine Mission darin, Freude in das Leben anderer zu bringen und zu der Entwicklung meiner Gesellschaft und meines Landes beizutragen. Von Anfang an begleiteten mich auf dieser Reise zwei gute Freunde, Khaadananda Regmi und Sudeep Banset. Und 2010 schloss sich Punam Khadgi an, unsere wunderbare Team Managerin. Wir waren noch immer eine sehr kleine Organisation, aber unsere Mission leitete uns weiterzumachen. Wir hatten große Träume und machten kleine Schritte. In den ersten drei Jahren veranstalteten wir Aktivitäten wie berufliche Trainings, Kunst- und Sportveranstaltungen in Schulen und verschiedene Workshops und Konferenzen für Jugendliche.


2012 hatte ich die Chance einer globalen Organisation namens MasterPeace beizutreten, die die Vertreter von über 40 Nationen und ihrer Clubs vertrat. Nun konnte ich jährlich internationale Versammlungen besuchen und meine Gedanken und Ideen teilen. Das wurde eine große Quelle der Inspiration und half mir nicht aufzugeben.


Bootcamp der globalen Friedensbewegung MasterPeace in Holland. Santosh, 2. von rechts

Expansion


In der Anfangszeit von Peace for People hatte ich nicht die leiseste Idee davon, dass wir eines Tages offiziell nach Europa expandieren würden. Doch zu meiner großen Freude passierte es! Im Mai 2019 wurde Peace for People France gegründet. Das ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie eine lokale Initiative mit einer großen Ambition für eine bessere Zukunft sogar anderen Kontinenten eine Inspiration sein kann. Unsere Kampagne wird, da sind wir uns sicher, ihre Wirkung auf die Zielgruppe in den kommenden 10 Jahren mindestens verdoppeln!


Immer noch erlebe ich Herausforderungen in meinem persönlichen Umfeld, weil die Mentalität meines Landes so ist wie sie ist und meine Familie mir Druck macht. Ihrer Ansicht nach sollte ich ins Ausland gehen, viel Geld verdienen and die Familie unterstützen. Mehr als 8 Millionen Nepalesen arbeiten im Ausland, um sich ein besseres Leben zu finanzieren. Wohltätigkeitsarbeit ist kein anerkannter Weg zum Erfolg bei uns. Doch für mich ist es mein größter Traum, meine einzige Wahl, eine echte Mission.


Auch wenn eine Arbeitsanstellung einige Vorteile bringt, wie Urlaub und materialistische Dinge, deinem Herz zu folgen bringt dir viel mehr Glück und eine tiefe Befriedigung. Manchmal fragen mich Freunde, ob ich verrückt wäre, dass ich mich mit Angelegenheiten beschäftige, die Sache des Staates sind. Aber ich spüre dieses starke Verlangen ein guter Bürger zu sein, der Verantwortung für die Gesellschaft und das Land übernimmt. Ich fühle, dass der Wandel mit mir beginnen kann. Und jeder einzelne Schritt ist so mächtig.


Santosh führt Führungspersonen beim Peace Walk in Nepal.

Den Weg in die Zukunft bereiten


Eine kleine Stiftung zu betreiben stellt uns vor extreme Herausforderungen. Wir arbeiten auf der Basis von persönlichem Fundraising. Glücklicherweise ziehen wir immer wieder Menschen an, die uns auf unterschiedlichsten Ebenen unterstützen möchten.


Am 16. November 2019 feierte Peace for People ihren zehnten Geburtstag. Es macht mich unglaublich froh und stolz zu sehen, wie eine kleine Organisation, von wenigen Individuen aufgebaut, so einen revolutionären sozialen Wandel in eine traditionelle Gesellschaft bringen kann.


Wir arbeiten auf das Ziel Nachhaltiger Entwicklung Nummer 4 (hochwertige Bildung weltweit) der Vereinten Nationen hin und dies sind unsere größten Errungenschaften der vergangenen Dekade:


  • Aufbau von zwei Schulgebäuden in zwei Bezirken, wo die Schüler freie und qualitativ hochwertige Bildung erhalten.

  • 690 Schüler verfolgen Bildungswege in den Bereichen Computer Hardware und Software, Mechanik und allgemeine Sekundarstufe mit einem Vollstipendium. 1 951 Schüler wurden mit Schulmaterial, wie Uniformen und Papierwaren versorgt. Insgesamt profitieren 7 Bezirke und 22 Schulen direkt von den Bildungsprogrammen von People for People.

  • Eltern-Programme und Lehrer-Trainings, Kunst-, Musik- und Sport-Workshops werden regelmäßig in mehreren Schulen angeboten.

  • Aufklärungskampagnen wie ‘Me for Gender Equality’ und Berufsbildung für Eltern werden fortwährend durchgeführt.

  • Seit 2012, am 21. September, dem Internationalen Tag des Friedens, erfolgreiche Durchführung von Veranstaltungen mit Aufklärungskampagnen, kulturellem Programm, Sport, Kunst und Tanzwettbewerben.

  • In den letzten drei Jahren führten wir jährlich einen Peace Walk in Thakre, Galchhi und Gajuri im Bezirk Dhading durch. Insgesamt nahmen 54 ausländische und 54 nepalesische Menschen teil, die für jeweils 18 Tage miteinander wanderten. Die Wanderungen haben den Tourismus gefördert, durch das Entdecken der Schönheiten der nepalesischen Natur und des kulturellen Lebens. Doch das Haupt-Augenmerk der Peace Walks liegt, fern von touristischen Sehenswürdigkeiten, auf der Entwicklung der Persönlichkeit und von Führungsqualitäten. Es ist eine lebensverändernde Erfahrung!



Auch wenn es bereits einige Bemühungen der Regierung zu den besprochenen Themen gibt, reichen diese nicht aus, um einen drastischen Wandel im Bildungssektor zu ermöglichen. Darum werden wir unsere Mission weiterverfolgen und haben uns für das kommende Jahrzehnt einiges vorgenommen:

  • Lebenskompetenzen-Trainings und Storytelling Programme für mindestens 100.000 Schüler.

  • Ein Lehrer-Zentrum aufbauen, das Lehrer mit Wissen über neue Unterrichtsmethoden versorgt.

  • Ermöglichen von Austauschprogrammen für Lehrer und Schüler und Vergabe von Stipendien für unterprivilegierte Schüler aus ländlichen Regionen.

  • Trainings und Unterstützung für Jugendliche zur Existenzsicherung durch Entrepreneurship.

  • Einführung innovativer Unterrichtstechniken und Technologien in Schulen.

  • Anwendung des ‘Play, learn and grow together’ Konzeptes als eine Kernstrategie des Lehrens.

  • Start verschiedener Programme, um die intellektuelle und kommunikative Kluft zwischen Schülern, Lehrern und Eltern zu verringern.

  • Eine beratende und moderierende Rolle für die Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung des Bildungswesens in Nepal einnehmen.

Namaste! Santosh

Wow! Hört sich das nach einem guten Plan an?


Persönlich traf ich meinen Helden, Santosh, 2017, als ich mein erstes MasterPeace Bootcamp besuchte. Sein Sinn für Humor, seine authentische und bodenständige Spiritualität und seine verrückte Leidenschaft für die Entwicklung des nepalesischen Schulsystems haben mich tief berührt. Wir trafen uns 2019 wieder und tauschten uns über alles aus, worüber MasterPeace Club Leader sprechen müssen (Leidenschaft, Herausforderungen, Träume, Witze, verrückte Ideen, Geschichten der Menschheit...), und wir schmiedeten einen kühnen Plan:


Wie wäre es, sich 2020 beim MasterPeace Festival in Deutschland wiederzusehen? MasterPeace Wiesbaden bereitet die Bühne vor und Santosh kommt, um darauf seine Geschichte mit uns zu teilen.


Lieber Leser, ich würde dir dieses Erlebnis von Herzen gönnen. Mein Held-Freund wird dich zum Weinen, zum Lachen und zum Lieben bringen – versprochen!


Tatsächlich plant Santosh in diesem Jahr eine Bildungsreise nach Frankreich, Finnland und Holland und es ist nicht unwahrscheinlich, dass er auch nach Deutschland kommt. Dann wird er uns mehr darüber erzählen, wie man dies möglich macht: DER WANDEL KANN MIT MIR BEGINNEN.



Namaste! Kristine




Wenn du uns und unseren Plan unterstützen möchtest, dann melde dich bitte bei Kristine unter masterpeacewiesbaden@gmail.com (Tel.: +49 178 457 93 36). Die Art von Unterstützung, die wir suchen: Einladungen in Schulen und Klassenräume für kollegialen Austausch; Veranstaltungsorte, um Santosh Geschichte zu erzählen; Finanzielle Unterstützung für die Reisekosten.

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